Die Auswanderer – Ein Hoch auf das Teilkasko

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer. (Seneca)

Ja, ich habe es auch gemacht. Ja, ich habe auch über Auswanderer wie Maik und Carola, Sepp und Ingrid, Angelo und Jennifer geschmunzelt, die Nase gerümpft, mich erhaben, richtig erwachsen und sogar plötzlich grundsolide gefühlt.

Eine Pommes-Bude auf Mallorca in mittelmäßiger Lage ohne Sprachkenntnisse, Business Plan und Rücklagen die länger als drei Monate halten? Ha Ha – Super Idee. Ein Neuanfang in Australien als Farmer ohne jede Erfahrung auf diesem Gebiet und ca. 15.000 Kilometer weg von allen Freunden und Familie und dann auch noch versteckte Kosten in fünfstelliger Höhe übersehen? Wie blöd kann man eigentlich sein? Ein Hotel in Brasilien eröffnen ohne vorherige Analyse ob sich in diese Region überhaupt ein Tourist verliert der die zwei Stunden Anreise im Klapperbus durch den Regenwald auch als „ganz arg lohnend“ betrachtet, um dann deutsches Kuchenbuffet zu genießen? Geht’s noch?

Natürlich, die Beispiele sind etwas zugespitzt formuliert, aber die Reaktion auf das Reality-TV-Erlebnis ist meistens eindeutig. Viele – von uns vermeintlich Schlaueren – wissen selbstverständlich wie es besser geht und lachen sich aufgrund der vermeintlichen Naivität der „Anderen“ in ihr kleines, erhabenes Vernunftfäustchen. Das beweist eine Umfrage im Teil des Freundeskreises der sich noch nicht allabendlich durch Netflix treiben lässt und ab und an den Auswanderern bei Vox über die tätowierte Schulter schaut. Verführerisch ist hier wieder der Blick auf die Freunde und die Anderen. Ich selbst habe lange genauso gedacht und gelacht – keinen Deut besser.

Doch meine Meinung  hat sich komplett gewandelt: mittlerweile respektiere – ja stellenweise bewundere ich fast alle, die sich diesen Schritt trauen, die ihre Komfortzone verlassen, ausbrechen aus jahrelangen Gewohnheiten und ins kalte – mitunter herrlich erfrischende – Wasser springen.

Warum der Sinneswandel? Seien wir doch mal ehrlich: die meisten von uns planen sich hinsichtlich vieler Sehnsüchte (Auswanderung in ein anderes Land, die Weltreise, dem verhassten Chef die Kündigung hinzudonnern, ein selbstbestimmtes Leben nach eigenen Regeln beginnen) zu Tode, suchen Vollkasko für die 100-prozentige Sicherheit und spielen so lange Taschenbillard mit ihren Träumen bis der Sarkasmus größer ist als der eigene Wagemut.

Jeder lernt früher oder später und meistens auf die harte Tour die Lektion dass es die absolute Sicherheit nicht gibt. Niemals. Körperliche und seelische Gesundheit von mir, Familie oder Freunden? Heute sicher. Morgen auch. Übermorgen. Fragezeichen? Ausrufezeichen! Gestern lag die Zukunft wie ein weißes Blatt vor dir, morgen ist an der gleichen Stelle plötzlich ein schwarzer Schwan. Wann willst du beginnen, Fremd- gegen Eigenbestimmtheit einzutauschen?

Den meisten Skeptikern, Zweiflern und Zauderern würde es nicht schaden, sich hier und da eine Scheibe Verwegenheit, 200 Gramm Umsetzungsdrang oder eine Wagenladung Optimismus von den Auswanderern abzuschauen.

Hilfreich ist hier, gedanklich vorzuspulen auf die letzten Stunden im Sterbebett  – die Liebenden um einen versammelt. Viele schöne Momente ziehen vor dem geistigen Auge vorbei, plötzlich schleichen sich aber auch Gedanken an verpasste Chancen und Gelegenheiten in die melancholisch-schöne Rückschau. Laut dem lesenswerten Buch ‚5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen‘ von Bronnie Ware (die Autorin schreibt aus ihren Erfahrungen als Palliativpflegerin mit Menschen die ihr kurz vor Ablauf des Lebens das Herz ausschütten) sind zwei der Kernbotschaften in Variationen die Aussagen „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“ und „Ich wünsche, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein“.

Bei beiden Punkten sind die Auswanderer mit den konkreten Umsetzungen ihrer Träume nicht so schlecht im Rennen und vermeiden nagende Fragen à la ‚was wäre gewesen, wenn ich damals‘. Klar ist: nicht jeder will ins Ausland oder einen Sehnsuchtsort, um sein Glück zu finden. Wichtig ist aber durchaus – auf Konfuzius‘ Weisheit vertrauend – der Weg zum Ziel, sich auf die Suche nach dem Glück zu begeben. Die Auswanderer sollten viel häufiger Selbstreflexion als ausgestreckte Zeigefinger zur Folge haben. Das Scheitern ist in Deutschland leider oft noch immer stigmatisiert, lieber gar nicht hinfallen. Die Auswanderer machen vor, dass es auch anders geht: die Angst ist hält die Umsetzung des Traums nicht auf und selbst wenn man hinfällt, steht man wieder auf und macht weiter.

1 Kommentar zu „Die Auswanderer – Ein Hoch auf das Teilkasko“

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