Die beste Diät (ohne Essen und Yo-Yo)

Telefonat nach ca. 10 Tagen ohne ‚zuletzt online‘, blauen Doppelhaken, (schrecklichen) lachweinenden Emoticons, Gruppen wie ‚Wer geht heute steil?‘, ‚Geburtstagsorga Tom‘ und Hans-Peter-Lulu-Susi-0176112113 schreibt… Telefonat nach einer Woche ohne WhatsApp:

„Wie läuft die Diät?“
„Hä? Was meinst du?“
„Deine digitale Diät“
„Ach so das. Die läuft fantastisch. Könnte was ernstes werden mit ihr. Viel besser als ich es mir vorstellt habe.“

Mittlerweile ist noch viel mehr Zeit ins Land gegangen seitdem die grüne Aufmerksamkeitskrake weg ist aus meinem Telefon, aus meinem digitalen Leben. Doch statt neudeutsch nervöse FOMO-Zuckungen (Fear of missing out; die Angst etwas zu verpassen) zu haben, geht es mir blendend. Der Griff nach dem Handy wird mit jedem Tag sporadischer und gleichzeitig zielgerichteter. Die zeitliche Lücke, die WhatsApp bei mir hinterlassen hat, ist so groß, dass ich bequem andere (sinnvollere) Apps (z.B. Udemy, Podcast Addict, Ecos) nutzen kann, viel mehr direkt mit Freunden kommuniziere (Handy primär zum telefonieren? Ja, da war doch mal was) und insgesamt jede Menge herrliche, befreiende Offline-Momente genieße.

Dabei war ich noch nicht mal ein Heavy User von WhatsApp, eher so ein unbegeisteter Mittippser der im Freundeskreis relativ schnell bekannt wurde mit der Zeile ‚Max B. hat die Gruppe verlassen‘. Ja, den meisten Gruppenchats habe ich mich gleich entzogen, weil das immer schon genervt hat: eine Kernbotschaft ummantelt von 400 in jede Himmelsrichtung glotzenden Smilies und banalen Worthülsen à la ‚Klaro‘, ‚Oki‘, ‚Supi‘ ‚Geht klar‘, ‚Freu mich‘, …  Trotz einer kritischen Grundhaltung wurde WhatsApp über die letzten Monate und Jahre auch bei mir immer zeitintensiver – ich selbst immer bequemer. Anrufen und kurz einen Termin absprechen? Ach nö, lieber schnell eine Nachricht eintippen. Einen Freund wegen etwas aufmuntern oder kritisch hinterfragen. Bloß nicht, lieber einen einfachen Daumen nach oben oder ein sonstiges Emoticon durch den Äther jagen.

WhatsApp war einfach praktisch, um die Faulheit nach richtiger Kommunikation auszuleben und trotzdem überall so ein bisschen mitzumischen. Gemocht habe ich WhatsApp nie. Dabei mag ich an Smartphones vieles – gute Apps, gute Momente per Foto und Video festhalten & Kommunikation von jedem Erdwinkel – und sehe mich nicht als alten Knacker der den Zeigefinger nicht mehr runterkriegt vor lauter heben.  Was natürlich auch stimmt: WhatsApp ist nur das Gefäß, die Inhalte kommen von uns. Theoretisch wäre auch über diesen Kanal eine Kommunikation möglich, die bereichernd ist, Mut macht, Trost spendet oder zum lachen bringt (das richtige Lachen, nicht das offizielle Totlachen durch den Versand von 12 Lachweinern bei dem man in der Realität in der Ubahn sitzt und nicht mal den Mundwinkel verzieht). Nur der Glaube daran fehlt mir – zu nahe ist auch bei mir die leichte Lösung, das schnelle und kurze Antworten (um es weg zu haben und die rote Nachrichtenanzeige verschwinden zu lassen), die nie-fortgehende Neugier nachzusehen, was er/sie antwortet, die Unruhe wenn auf eine Nachricht länger nichts zurückkommt (war es nicht doch missverständlich).

Deswegen Selbstschutz, digitale Diät, zumindest bis auf weiteres. Es fallen zwar keine Pfunde aber ich fühle mich leichter.  Die Wirkung ist schon jetzt erstaunlich. Vor allem auf dem Zeitkonto komme ich vom Dispo langsam zu Erträgen auf das eigene Wohlbefinden. Der Yo-Yo-Effekt wird ebenfalls nicht kommen. Wenn ich wieder zurückkomme werde ich maximal wieder der Grumpy-Old–Gruppenverlasser werden – Überkompensation nur als theoretisches Phänomen. Beim Blick auf die Mitbevölkerung die hektisch WhatsApp öffnen und schließen – zum Teil mehrfach die Stunde kommt ein Satz von Mark Twain ins Gedächtnis der mich weiter in meinem Vorhaben bestärkt, hier vielleicht auf der richtigen Spur zu sein : „Whenever you find yourself on the side of the majority, it is time to pause and reflect“.

Eine alte Bekannte, die ich neulich zufällig wiedertraf und der ich beim Nummernaustausch sagte, dass ich nicht bei WhatsApp bin, schaute erstaunt und speicherte mich mit Max Oldschool in ihr Handy ein. Oldschool zu sein ist selten verkehrt. Eigentlich nie.

Zum Weiterlesen:
Digital Detox, Daniela Otto

 

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